Multi-Cloud: Darf es ein bisschen Cloud mehr sein?

Nach dem aktuellen State of the Cloud-Report von Flexera nutzen 92% der großen Unternehmen in Europa ein Multi-Cloud-Modell. Ein Großteil davon kombiniert eine oder mehrere Private Clouds mit einer oder mehreren Public Clouds zu einer Hybrid Cloud.

Diese große Zahl mag zunächst überraschen. Man muss aber bedenken, dass eine Multi-Cloud-Landschaft entweder strategisch gewollt ist, aber auch die Folge  einer fehlenden oder unklaren Cloud-Strategie sein kann. In letzterem Fall hat sich ein Teil der IT-Landschaft eines Unternehmens in eine Art Shadow IT verwandelt. Hier definieren und implementieren Fachbereiche ihre eigenen Standards. Die unternehmenseigene IT erscheint ihnen zu langsam oder nicht flexibel genug.

Multi-Cloud kann auch das Ergebnis eines Unternehmenszusammenschlusses sein. Oder es resultiert aus der Einführung von Office 365 und damit verbunden Azure, während bereits Anwendungen in AWS oder GCP laufen.

Im Schnitt nutzen die Unternehmen Cloud Services von zwei bis drei Anbietern.

Da Multi-Cloud die Realität für die meisten Unternehmen ist, ist es umso wichtiger, sich die Vorteile wie auch die Herausforderungen eines solchen Modells bewusst zu machen.

Häufig genannte Vorteile einer Multi-Cloud sind

  • Verringerter Vendor Lock-in, da man sich unabhängiger von einzelnen Anbietern macht.
  • Kostenvorteile oder erweiterte Funktionalität, da man Services dort beziehen kann, wo sie am günstigsten sind oder wo man die besten Features erhält.
  • Katastrophen-Vorsorge, für den Fall, dass ein Provider ausfällt.
  • Datenschutz, wenn Unternehmen aus Gründen der Datensicherheit Daten in gewissen Regionen halten müssen, die manche Cloud Anbieter unterstützen, andere jedoch nicht.

Der Vorteil der Kostenersparnis in einem Multi-Cloud-Modell lässt sich vermutlich am schwierigsten realisieren. Immerhin benötigt man redundante Netzwerk-Anbindungen an nicht mehr nur eine, sondern zwei oder mehrere Clouds. Zusätzlich benötigt man eventuell noch Anbindungen der Clouds untereinander. Die Aufteilung von Workloads auf mehrere Clouds führt unter Umständen zu schlechteren volumenabhängigen Rabattstaffeln bei den Anbietern. Der Entwicklungs- und Testaufwand steigt, da selbst bei der Verwendung von Terraform und Container-Technologien die Anwendungen auf die Gegebenheiten der unterschiedlichen Clouds angepasst oder zumindest parametrisiert werden müssen.

Aber auch die Katastrophen-Vorsorge in einem Multi-Cloud-Modell sollte man sich genauer betrachten.  Alle Cloud-Dienstleister bieten Disaster Recovery Szenarien innerhalb ihres eigenen Cloud-Verbundes. Diese sind erprobt und werden durch Technologie und Automatisierung unterstützt. Die Anbieter achten sorgfältig darauf, dass die verschiedenen Regionen keine gemeinsamen Komponenten teilen, die zum „Single Point of Failure“ werden können. In einem Multi-Cloud-Modell liegt diese Verantwortung dagegen beim Anwender. Es nützt wenig, seine Anwendung auf zwei Provider zu verteilen, wenn diese sich mit ihren Cloud-Rechenzentren im gleichen Gebäude angesiedelt haben oder eine gemeinsame externe Komponente, z.B. einen Netzwerk-Kontenpunkt, teilen.

Multi-Cloud-Modelle bringen aber noch weitere Herausforderungen mit sich

  • Erhöhte Anforderungen an die Mitarbeiter und damit Schulungsbedarf, um die Technologien mehrere Cloud-Anbieter bedienen zu können.
  • Management Overhead um Standards, Richtlinien und Verfahren für mehrere Cloud Anbieter zu erstellen und zu pflegen.
  • Die Verteilung von Daten auf mehrere Anbieter erhöht die potenzielle Angriffsfläche.
  • Funktionseinschränkungen, wenn man zur Vermeidung des Vendors lock-ins nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner an Funktionalität zwischen den Anbietern setzt.
  • Erhöhter Administrationsaufwand, Komplexität und Schnittstellen bei der Verwendung von operationalen Tools unterschiedlicher Anbieter.

Um die Herausforderungen zu meistern, bietet sich die Nutzung von entsprechenden Management-Plattformen an, die eine Abstraktionsschicht über die verschiedenen Clouds legen. Darüber hinaus können Service Provider (MSP), die sich auf Cloud Workload spezialisiert haben, bei der Umsetzung der Cloud-Strategie helfen.

Thomas Petzke
Thomas Petzke

Senior Solutions Architect, Kyndryl Deutschland GmbH